Wien, 1955: Auf den Trümmern der Vergangenheit entsteht die Zweite Republik. Österreich sucht nach den Kriegsjahren im Wiederaufbau eine neue, zukunftsfähige Identität. Mit dem gefühlvollen Fernsehfilm „Kleine große Stimme“ – zu sehen als ORF-Premiere am Dienstag, dem 8. Dezember 2015, um 20.15 Uhr in ORF 2 – verdichtet Regisseur Wolfgang Murnberger den Aufbruch der jungen Generation zu einer berührenden Geschichte um ein Besatzungskind, das seinen amerikanischen Vater sucht und eine österreichische Heimat findet. In den Hauptrollen spielen Wainde Wane, David Rott, Miriam Stein, Erwin Steinhauer, Tyron Ricketts, Karl Merkatz, Philipp Hochmair, Margarethe Tiesel, Branko Samarovski u. v. m. Zusätzlich wurden die Dreharbeiten auch von insgesamt 25 Schülern der Wiener Sängerknaben vor der Kamera unterstützt. Das Drehbuch stammt von Rupert Henning nach einer Vorlage von Eva Spreitzhofer und einer Geschichte von Michaela Ronzoni. Die Filmmusik wurde vom ORF-Radio-Symphonieorchester nach einer Komposition von Roman Kariolou eingespielt. Im Anschluss an „Kleine große Stimme“, um 21.55 Uhr, taucht Regisseur Lukas Beck in der Dokumentation „Mehrstimmig. Die Wiener Sängerknaben“ in den Alltag der jungen Musiker und erzählt aus Sicht der Sängerknaben vom Leben zwischen Aufregung, Ruhm, harter Arbeit und Fußball.

Wolfgang Murnberger: „Es geht darum, Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe oder Herkunft zu beurteilen“
„Die Suche nach dem Vater ist sozusagen das Grundmotiv der Hauptfigur in unserer Geschichte. Als einziges Hilfsmittel, um seinen Vater zu finden, hat er eine Melodie, die der Vater für die Mutter geschrieben hat. Und anhand dieser Melodie versucht er dann seinen Vater zu finden. Dadurch, dass der Bub glaubt, über die Sängerknaben nach Amerika zu kommen, versucht er mit allen Mitteln, bei den Sängerknaben reinzukommen“, erklärt Regisseur Wolfgang Murnberger und sagt über die Botschaft des Films: „Es geht darum, Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe oder Herkunft zu beurteilen, sondern sich die Menschen anzuschauen – das ist der Subtext von dem Film. Dass Fremde nicht automatisch schlecht sind.“

Mit den Sängerknaben und einer Melodie auf Vatersuche
Wainde Wane spielt in seiner ersten Filmrolle auch gleich die Hauptrolle, über die er sagt: „Ich spiele einen Buben, der in Niederösterreich aufwächst, dessen Mutter gestorben ist und der seinen Vater nie getroffen hat. Der Bub lebt bei seinen Großeltern, und vor allem sein Großvater behandelt ihn ziemlich schlecht. Eines Tages sieht der Bub in der Wochenschau die Sängerknaben und sieht, dass die nach Amerika fahren. Und alles, was er von seinem Vater weiß, ist, dass er Amerikaner ist. Und so will er zu den Sängerknaben, um seinen Vater zu finden. Er weiß halt nicht, wie groß Amerika ist.“ Und weiter über die Faszination der Rolle: „Benedikts eiserner Wille, sich bis nach Wien zu den Sängerknaben durchzuschlagen, weil er unbedingt seinen Vater finden will.“ Ob es in der Geschichte etwas gibt, was Wane auch für sich für die heutige Zeit mitgenommen hat? „Die Geschichte, die von Karl Merkatz erzählt wird, hat mich sehr berührt. Die Ehefrau ist verschwunden, doch er hat sich lange nicht getraut nachzufragen, wo sie ist – bis er es dann doch einmal wagt und die Wahrheit sehr schmerzhaft ist. Aber auch wenn die Wahrheit schrecklich ist, ist es besser Gewissheit zu haben als sich die Augen zuzuhalten.“

Karl Merkatz: „Vieles in diesem Film sind auch meine eigenen Erlebnisse von damals“
Karl Merkatz spielt Siegfried Goldberg, den Vater des Kapellmeisters Max (David Rott), der Benedikt hilft, seinen Vater zu finden und selbst seit Jahren nach seiner verschollenen Ehefrau sucht. Was Merkatz an der Geschichte besonders berührt hat? „Für mich war es eine sehr schöne Figur, die ich spielen konnte, weil sie mich doch an sehr viele Erinnerungen und Erlebnisse der Kriegszeit hingeführt hat. Denn der Film spielt in einer Zeit, die ich selber kennengelernt habe. Es war meine Kindheit über meine Jugend bis hin zum Erwachsenwerden. Vieles in diesem Film sind auch meine eigenen Erlebnisse von damals. Und die Situation, dass ein Bub, noch dazu kein weißer Österreicher, sondern ein farbiges Kind, seinen Vater suchen musste, ist immer wieder passiert. Das gab es nicht nur einmal.“

David Rott und Miriam Stein über die 50er Jahre
David Rott schlüpft in die Rolle von Max Goldberg: „Ich spiele den Kapellmeister. Ich bin ein Dirigent und Musiklehrer, der mit den Buben musiziert.“ Über die 50er Jahre meint Rott weiter: „Ich mag diese Zeit – ich fühle mich auch sehr wohl. Ich hab schon öfters Filme, die in den 50er Jahren spielen, gemacht – und es gefällt mir. Es ist auch interessant, was das Kostüm mit einem macht.“ Auch Miriam Stein fand zumindest äußerlich Gefallen an den 50er Jahren: „Ich finde es immer spannend, in anderen Zeiten zu drehen, und man darf sich so schön verändern. Vom Kostüm und von der Maske her ist es eine sehr schöne Zeit, wo man als Frau sehr weiblich sein darf.“ Über ihre Rolle verrät sie: „Ich spiele die rechte Hand vom Direktor. Der Film spielt 1955 und meine Figur ist schon sehr in dieser Zeit verhaftet – von ihren Ansichten her, von ihrem Verhalten her. Und der Kapellmeister bringt da einen frischen auswärtigen Wind mit ein – das gefällt ihr natürlich, aber letztendlich steht sie dann zwischen zwei Männern – zwischen dem traditionellen Direktor und dem aus Amerika kommenden Kapellmeister.“

Tyron Ricketts: „Die Welt als Ganzes sehen“
Der in Österreich geborene und mittlerweile in Los Angeles lebende Schauspieler und Musiker Tyron Ricketts spielt Jerry Delgado, einen amerikanischen Besatzungssoldaten und Benedikts Vater – der jahrelang nichts von dessen Existenz gewusst hat. „Ich war schon berührt, als ich das Drehbuch gelesen habe, weil es einfach eine sehr schöne Geschichte ist“, erinnert sich Ricketts. „Dazu kommt, dass ich selbst in Österreich geboren bin. Und so konnte ich einige Szenen aus dem Film auch sehr gut nachvollziehen, zum Beispiel wie es sich anfühlt, der einzige Schwarze in einem kleinen Ort zu sein. Die Relevanz der Geschichte ist nach wie vor ganz deutlich, gerade wenn man sich die aktuelle Flüchtlingsdebatte ansieht, wird klar, wie sehr Menschen vor dem Fremden Angst haben und wie schwer es oft ist, die Welt als Ganzes zu sehen und zusammenzuhalten.“

Mehr zum Inhalt

1955. Das zehnjährige Besatzungskind Benedikt (Wainde Wane), das seit dem Tod seiner Mutter bei seinen Großeltern auf dem Land aufwächst, träumt von der Aufnahme bei den Wiener Sängerknaben. Eine Tournee mit dem weltberühmten Chor wäre seine Chance, seinen Vater, einen amerikanischen Besatzungssoldaten, zu finden. Alles, was er hat, sind ein altes Foto und eine Melodie, die seine Mutter ihm damals vorgesungen hat. Bei Nacht und Nebel flüchtet Benedikt aus dem feindseligen Umfeld seines von den Kriegserlebnissen verbitterten Großvaters. Alleine macht er sich auf den beschwerlichen Weg durch die Besatzungszonen nach Wien.

Als er endlich das Palais der Wiener Sängerknaben erreicht, sind die Aufnahmeprüfungen gerade noch im Gang. Die Aufnahmekriterien sind streng. Ohne Voranmeldung und ohne Begleitung eines Erwachsenen sinken Benedikts Chancen gegen null. Mit seiner natürlichen Unverfrorenheit und der Hilfe des aus den USA nach Wien zurückgekehrten Chorleiters Max (David Rott) schafft er dennoch das Unmögliche. Bei den Sängerknaben gerät er vom Regen in die Traufe. Der Konkurrenzkampf unter den Buben ist hart. Neulinge werden grob behandelt. Für einen Neuling ist es nahezu unmöglich, in den Chor für die Amerikatournee aufgenommen zu werden. Benedikt freundet sich mit Max’ Vater Siegfried (Karl Merkatz) an, der das Konzentrationslager überlebt hat und seit Jahren nach seiner verschollenen Ehefrau sucht. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach der Familie, die Benedikt seit dem frühen Tod seiner Mutter nicht mehr hatte.

„Kleine große Stimme“ ist eine Koproduktion von ORF, BR, ARD Degeto, Mona Film und Tivoli Film, mit Unterstützung von Fernsehfonds Austria und Filmfonds Wien.